Elektromagnetische Strahlung ist allgegenwärtig. Zwar umgibt sie uns schon seit Anbeginn der Erde, doch hat sich ihre Qualität in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert.

Die Frage ist nicht, ob wir Strahlung ausgesetzt sind, sondern welcher Art, mit welcher Intensität und mit welchen biologischen Folgen.

Die Biologie kennt Strahlung, aber nicht jede Strahlung ist biologisch gleichwertig

Während natürliche Atmosphären- und kosmische Strahlung Teil der evolutionären Umwelt des Menschen sind, ist die heutige Dauerbestrahlung durch künstlich erzeugte elektromagnetische Felder ein neues Phänomen.

Das Erdmagnetfeld, Schumann-Resonanzen oder natürliche Radioaktivität bilden ein vergleichsweise stabiles Hintergrundrauschen. Diese Felder sind schwach, rhythmisch und über geologische Zeiträume konstant. Lebende Systeme haben sich an sie angepasst und möglicherweise nutzen biologische Prozesse sie sogar als Taktgeber.

Kosmische Strahlung ist ionisierend und prinzipiell in der Lage, DNA-Schäden zu verursachen. Doch die Dosis, der Menschen am Boden ausgesetzt sind, ist gering.

Mobilfunk, WLAN, Bluetooth und andere drahtlose Technologien erzeugen nicht-ionisierende elektromagnetische Felder. Offiziell gelten diese als sicher, solange sie keine messbare Gewebeerwärmung verursachen. Doch diese Logik greift etwas kurz.

Abdullah firat a XB cyn V Dkc unsplash
Kanata 8r wu Rw0fu I unsplash
Dino reichmuth kk3 W5 0b6e0 unsplash

Studienlage – kein Konsens, aber auch keine Entwarnung

Die Studienlage ist heterogen. Es gibt Arbeiten, die keine Effekte finden, und andere, die über klare biologische Veränderungen berichten. Zumindest haben Internationale Gremien hochfrequente elektromagnetische Felder als möglicherweise krebserregend eingestuft, wie z.B. die Internationale Krebsforschungsagentur IARC der WHO. Dies ist ein klares Zeichen für die wissenschaftliche Unsicherheit. 

Zu den biologischen Effekten unterhalb thermischer Schwellen, die in zahlreichen experimentellen und tierexperimentellen Studien nachgewiesen werden, gehören:

  • veränderte Zellmembranpermeabilität
  • Aktivierung spannungsabhängiger Kalziumkanäle
  • Veränderung der Genexpression
  • Störungen neuronaler Aktivität

Diese Effekte scheinen subtil und sind nicht akut toxisch. Hier stellt sich die Frage nach den Auswirkungen über lange Expositionszeiträume.

Eine sehr umfassende wissenschaftliche Literaturdatenbank zu den biologischen und gesundheitlichen Wirkungen von nicht-ionisierender elektromagnetischer Strahlung bietet übrigens das EMF-Portal der RWTH-Aachen.

Studienlage

Oxidativer Stress – ein plausibler Wirkmechanismus

Oxidativer Stress gilt als ein zentraler biologischer Belastungsfaktor. Er steht im Zusammenhang mit DNA-Schäden, mitochondrialer Dysfunktion, neurodegenerativen Prozessen und chronischen Entzündungen. Entsprechend gross ist die Aufmerksamkeit, die dem Thema im Gesundheitsbereich entgegengebracht wird: Überall wird zu einer antioxidantienreichen Ernährung geraten, und zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel werden mit dem Versprechen beworben, freie Radikale zu neutralisieren und die körpereigenen Schutzmechanismen zu unterstützen. 

Ein immer wieder berichteter Befund ist die Zunahme von oxidativem Stress durch elektromagnetische Felder. In Zell- und Tiermodellen wurde gezeigt, dass sie die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies erhöhen und gleichzeitig antioxidative Schutzmechanismen schwächen können.

Auch das bedeutet noch keinen automatischen Krankheitsnachweis, ist aber durchaus eine ernst zu nehmende Warnung.

Tati odintsova F6p1a Tg U Wd I unsplash

Kinder – die vergessene Risikogruppe

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihr Nervensystem befindet sich in der Entwicklung, ihre Schädelknochen sind dünner, ihr Gewebe wasserreicher. Gleichzeitig werden sie immer früher und intensiver drahtlosen Technologien ausgesetzt – oft ohne Alternativen, ohne Aufklärung, ohne Wahlmöglichkeit. Schulen, Kindergärten und Kinderzimmer sind flächendeckend vernetzt. Der Fortschrittsgedanke überlagert ganz klar die Vorsorge. Doch wie viel Unsicherheit sind wir bereit, an jene weiterzugeben, die sich nicht selbst schützen können?

Fortschritt ohne Vorsorge ist kein Fortschritt, sondern ein Experiment. Eines, dessen Langzeitergebnisse vor allem die kommenden Generationen tragen werden.

Es geht hier nicht um das Heraufbeschwören einer kommenden Gesundheitskatastrophe. Doch das Auftreten von Elektrosmog in der Intensität und Verbreitung, wie es heute üblich ist, ist weit mehr als ein harmloses Hintergrundrauschen.

Takrim ahmed 1 Wct B6 Gr Ib U unsplash

Vielleicht ist der problematischste „Elektrosmog“ manchmal gar nicht elektromagnetischer Natur

Ein Smartphone ist Informationsquelle, Kommunikationsmittel, Kalender, Navigationsgerät, Arbeitsplatz und sozialer Treffpunkt in einem. Wir nehmen es mit zum Essen, auf die Toilette, zum Spaziergang, sogar ins Bett. Manche von uns begleitet es vom ersten Blick am Morgen bis zum letzten Blick am Abend. Oder zum Treffen mit Freunden. Wie oft sieht man mittlerweile Menschen zusammen an einem Tisch sitzen – und alle, von gross bis klein, schauen auf einen Bildschirm. 

Vielleicht müssen wir deshalb nicht nur fragen, was die Strahlung eines Smartphones mit unserem Körper macht. Wir sollten auch fragen, was die permanente digitale Verfügbarkeit mit unserem sozialen Miteinander und unserer Aufmerksamkeit macht.

Denn es könnte etwas verloren gehen, das sich nicht digitalisieren lässt: bewusst im Moment zu sein, voll und ganz bei unserem Gegenüber, einem Gespräch ohne Ablenkung. Ein Blickkontakt. Ein gemeinsames Schweigen. Oder ein spontanes Lachen.

Der Griff zum Gerät erfolgt oft nicht mehr aus einem konkreten Bedürfnis heraus, sondern aus Gewohnheit, Langeweile oder dem Impuls, einfach nochmal kurz nachzusehen. Wann wird aus einem nützlichen Werkzeug ein Gerät, das unser Verhalten steuert?