Es sind oft die einfachen, kleinen Dinge, die langfristig den grössten Unterschied machen. Und auch Gesundheit entsteht selten durch eine einzelne Massnahme. Vielmehr ist sie das Ergebnis vieler kleiner, oftmals natürlicher Gewohnheiten, die sich gegenseitig ergänzen: eine vitalstoffreiche Ernährung, regelmässige Bewegung und Entspannung, ausreichender Schlaf, oder eben ab und zu Kneippen. Wir gehen sehr viel und gerne wandern, erst recht, seit wir den Magic Pass entdeckt haben. Aber erst während der anhaltenden Hitze in diesem Sommer, während derer wir immer Ausschau nach Wasserplätzen gehalten haben, ist mir aufgefallen, wie viele schöne Kneipp-Anlagen es in der Schweiz gibt.
Mehr als kaltes Wasser: Die fünf Säulen nach Sebastian Kneipp
Sebastian Kneipp war ein deutscher Pfarrer und Naturheilkundler des 19. Jahrhunderts, dessen zentrales Lebensprinzip die Gesundheitspflege war.
Nachdem er als junger Mann schwer an Tuberkulose erkrankt war, inspirierte ihn ein Buch über Wasserheilkunde zu kurzen Bädern in der eiskalten Donau. Diese Erfahrungen gingen mit einer deutlichen Verbesserung seines Gesundheitszustandes einher und legten den Grundstein für seine spätere Gesundheitslehre.
Die Kneipp-Therapie wird meist nur mit kaltem Wasser in Verbindung gebracht. Tatsächlich basiert sie jedoch auf fünf gleichwertigen Säulen: Wasseranwendungen, Bewegung, Ernährung, Phytotherapie und Lebensordnung.
Neben den Wasseranwendungen, die man auch als Hydrotherapie bezeichnet, empfahl er regelmässige Bewegung und eine bewusste Ernährung, um die körpereigenen Abwehrkräfte zu stärken. Er nutzte Pflanzen als Heilpflanzen, auch solche, die als Unkraut galten. Als Lebensordnung verstand er ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Aktivität und Erholung, Schlaf und Tagesrhythmus. Auch das Barfussgehen gehörte für ihn ganz selbstverständlich zur Gesundheitsvorsorge. So empfahl er das Gehen auf Gras, Waldboden, Kies, Sand und sogar Schnee (jedoch nur sehr kurz). Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verfolgte er somit einen sehr ganzheitlichen Gesundheitsansatz und war seiner Zeit weit voraus.
Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern.
Auf ins kühle Nass!
Kneippen kann man fast jederzeit und überall – besonders schön ist es an Bächen, Flüssen, Seeufern oder in eigens dafür angelegten Kneipp-Anlagen. Eine Übersicht über Kneipp-Anlagen in der Schweiz und in Liechtenstein findet sich auf der Website des Kneippverbands. Viele dieser Anlagen liegen zudem landschaftlich besonders reizvoll und lassen sich wunderbar mit einem Spaziergang oder einer Wanderung verbinden. Sie dienen vor allem der Durchführung der verschiedenen Wasseranwendungen.
Am bekanntesten ist das sogenannte Wassertreten, bei dem man im Storchengang durch das kalte Wasser geht. Indem man die Beine bei jedem Schritt langsam und möglichst vollständig aus dem Wasser hebt, entsteht bei jedem Schritt ein neuer Kältereiz.
Weitere Wasseranwendungen sind Armbäder und Güsse. Für Armbäder werden in einem Armbecken beide Arme bis etwa zur Mitte der Oberarme ins kalte Wasser getaucht. Der Kältereiz ist kurz und intensiv. Traditionell wird das Armbad als „Kneipp'scher Espresso“ bezeichnet, weil es als erfrischend und belebend empfunden wird. Manche Kneipp-Anlagen verfügen auch über Vorrichtungen für Knie-, Schenkel-, Arm- oder Wechselgüsse. Dabei wird Wasser gezielt über bestimmte Körperregionen geführt.
Und häufig gibt es auch noch Barfusspfade, auf denen man beispielsweise über Sand, Steine, Rindenmulch und Gras läuft. Kälte, Bewegung und Naturerfahrung lassen sich hier sehr ganzheitlich und mit allen Sinnen erleben. Es lohnt sich, die wohltuenden Reize bewusst wahrzunehmen und zu entdecken, welche Wirkung regelmässige Kneipp-Anwendungen auf Körper und Wohlbefinden entfalten können.
Seit 2015 ist die Kneipp-Tradition in Deutschland übrigens als immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Der Kältereiz, der guttut – Kneippen und seine Wirkung
Kältereize dienen der Anregung des Kreislaufs, des Stoffwechsels und der Gefässreaktion. Sie führen zu einer Verengung der peripheren Blutgefässe, die sich anschliessend wieder erweitern. Dabei gilt keineswegs: "Je länger im kalten Wasser, desto besser." Die Anwendung sollte beendet werden, bevor man friert. Die Haut darf zwar kühl werden, doch der Körper sollte nicht auskühlen.
Ausserdem aktivieren Kältereize das sympathische Nervensystem – gewissermassen den „Aktivierungsmodus“ unseres Körpers. Regelmässige, gezielt eingesetzte Kältereize können dazu beitragen, den Umgang mit Stress zu verbessern. Viele Anwender empfinden Kneipp-Anwendungen als belebend und berichten gleichzeitig von mehr innerer Ruhe, einer besseren Stressresistenz und einem erholsameren Schlaf.
Was Sebastian Kneipp noch gar nicht wissen konnte …
Die Kneipp-Lehre ist schon über 150 Jahre alt, doch die heutige Forschung liefert interessante Erklärungsansätze für die Wirksamkeit dieser Lehre.
Kneipps Idee der dosierten Reize lässt sich aus heutiger Sicht mit dem Phänomen der Hormesis vergleichen. Darunter versteht man Schutz- und Anpassungsmechanismen des Organismus als Reaktion auf bestimmte, meist milde Stressreize, wie z.B. Kälte. Entscheidend ist dabei die Dosis: Ein Reiz kann anregend wirken, während ein zu starker oder zu langer Stress den Organismus belastet.
Bewegung setzt in unseren Muskeln hormonähnliche Botenstoffe frei, sogenannte Myokine. Das Myokin Irisin wird intensiv erforscht, weil es unter anderem den Energiestoffwechsel beeinflussen und entzündungshemmende Wirkungen entfalten könnte. Erste Studien deuten auf eine Erhöhung von Irisin hin, wenn Kältereize mit Bewegung kombiniert werden. Kältereize können ausserdem braunes Fettgewebe aktivieren, welches dabei Wärme produziert und Energie verbraucht.
Vielleicht ist das Kneippen also gar nicht so altmodisch – sondern ziemlich zeitgemäss. Und vielleicht ergibt sich schon beim nächsten Spaziergang die Gelegenheit dazu: Schuhe aus und Hosenbeine hoch – und einfach ausprobieren!